Wenn uns etwas aus dem gewohnten Geleise wirft, so denken wir, alles sei verloren. Aber dabei beginnt doch nur etwas Neues und Gutes. Leo N. Tolstoi

Für mich ist es
vollkommen egal, wie lange wir um eine
vergangene Beziehung trauern oder nachdenken. Wir sind traurig, wütend oder
enttäuscht. Manchmal Monate, oder Jahre.
Es darf dauern, solange es dauert und niemand kann uns vorschreiben, dass es
lächerlich oder längst vorbei sein müsste. Menschen sind ein Teil unseres
Herzens geworden und das können wir nicht wegschneiden wie braunes Stück vom
Apfel. Die Trauer ist ein Teil von uns und gehört genauso dazu wie die Freude,
die uns diese Beziehung bereitet hat.

Woran kann man
erkennen, dass Du ein Beziehungsende verarbeitet hast oder wie weit Du bist.
Ich rede bewusst nicht von Trennung, Verlust, weil es meiner Meinung nach noch
genauer definiert, was zum Ende der Beziehung geführt hat, wie man es selbst
bezeichnet und da lohnt es sich, noch genauer hinzuschauen.

Deswegen zurück zur
Verarbeitung. Egal, wer es beendet hat, jeder ist mehr oder weniger traurig und
denkt darüber nach, was passiert ist und stellt sich Fragen, klagt sich, die
Welt oder den anderen an.

Für mich ein absolut
normaler Prozess der gesund ist, wenn sich irgendwann die Erkenntnis einstellt,
das Nichts hätte anders laufen können oder wir es hätten besser machen sollen.

Eine
Schlüsselerkenntnis hatte ich durch einen Bericht über eine Patientin, die an
einem Aneurysma gestorben ist, obwohl Sie kurz zuvor im CT war und dies nicht
entdeckt worden war. Für mich hatte das den Anschein: Es war nicht zu
verhindern. Das ist ein tragisches Beispiel, das für viele schwere Momente
steht, die wir nicht erklären können.

Meine schönsten und
besten Momente im Gegensatz dazu, hätte ich nicht so wunderbar planen oder
vorhersehen können, wie ich sie nachher erlebt hatte. Eine gute Freundin von
mir formulierte es humorvoll:

Willst Du Gott zum Lachen bringen, mach Pläne. Tanja
D.

Du hättest nie
offener sein müssen und weniger eifersüchtig oder dich mehr einlassen. Hätte es
sein sollen und wäre es echt gewesen, von beiden Seiten, würdet Ihr jetzt noch
Sterne zählen. Ganz einfach!

Die Zeit heilt nicht.
Sie gibt uns einfach nur die Möglichkeit, die Dinge mit einem größeren Abstand
zu sehen, um zu erkennen, es war nicht anders möglich. Umstände die ganz anders wahrgenommen wurden, sowie
persönliche Entwicklungen und Reifeprozesse, die nicht weit genug entwickelt
waren, um die Beziehung weiter wachsen und vertiefen zu können.

Das Ende und der
Schmerz können einen aufwecken und erkennen lassen, dass noch alte Wunden
geheilt werden müssen, die sonst immer wieder auf den bestehenden Partner oder
die Beziehung projiziert werden und diese neue Liebe belasten. Das Ende einer
Beziehung kann also zu etwas ganz Neuen Wunderbaren führen – vielleicht zu Dir
selbst und einem neuen Gefühl für Dich, deinem Partner und dem Leben.

Zu Thema Verlassen
und Neuanfang möchte ich mit euch ein Gedicht des Vordenkers David P. Pauswek teilen, dass es für
mich traurig-schön auf den
Punkt bringt.


Am Abstellgleis

Ich bin nicht mehr sicher, ob ich dich haben wollte, wenn ich dich haben
könnte, aber ich bin sicher, dass ich dich haben möchte, seit ich dich nicht
bekommen kann.

Als ich dich hatte, war ich ein König und alle konnten
das sehen. Seit ich dich nicht mehr habe, bin ich ein Bettler vor meiner
eigenen Tür. Ich bettle mich selbst an, dich zu vergessen, aber ich gestatte es
mir nicht, denn das Aufgeben ist mir ebenso fremd wie die menschliche Gattung.
So viele Leben wandle ich nun schon unter den
Wahnsinnigen und habe sie doch niemals richtig verstanden. Ihre Art zu lieben
ist mir fremd.
Ich begreife nicht, wie sie Oberflächlichkeiten als
Hindernisse für das Lieben betrachten können. Ich begreife nicht, wie sie eine
Person gegen die andere tauschen und dabei von Liebe sprechen können.

Alles, was ich weiß, ist, dass ich deine Stimme
immer noch hören kann und das Feuer deiner Lippen immer noch auf den meinen
brennt und mein Schoß immer noch in Flammen steht, wenn ich deine Bilder sehe,
mein Herz einen Schlag auslässt, wenn ich deinen Namen vernehme, meine Träume
dich immer noch rufen und meine Tage nicht mehr in jenen Farben leuchten wie
damals, in jener kurzen aber heiligen Zeit unseres Beisammenseins.

Ich spiele mit dem Lächeln anderer Frauen und forme
es im Geiste zu deinem Lächeln. Ich sammle ihre Bewegungen und werfe sie
zusammen in der Hoffnung, sie würden zu den deinen. Ich vollbringe Heldentaten
im Geheimen, weil ich möchte, dass nur du sie sehen kannst. Ich zähle die Tage,
so als hättest du mir ein Datum für deine Rückkehr genannt. Ich warte an einer
Haltestelle, durch die niemals mehr ein Zug fahren wird. Ich rufe ein Taxi und
nenne eine Adresse, die ich nicht kenne.

Ich weiß, du hast mich verlassen, damit ich mich
selbst finde, doch wo ich stets zu finden bin, das ist im Spiegel deiner Augen.
Wenn ich also nicht bei dir bin, wo bin ich dann?

Text “Am
Abstellgeleis“: David P. Pauswek, © 2012

Ihr seht, verlassen werden hat auch seine
Poesie.

Folgt eurem Herzen.

Euer Big Rodsch

cr/rb 2013